Leise schleiche ich mich im Dunkeln aus dem Schlafzimmer, um meinen Mann nicht zu wecken, der gestern wieder lange gearbeitet hat. Der erste Blick aus dem Badezimmerfenster überrascht mich, denn das Dach des Nachbarhauses ist heute nicht ziegelrot, sondern weiß. Der Nachtfrost hat seine unübersehbaren Spuren hinterlassen. „Mist!“, schießt es mir durch den Kopf, „dieses Jahr habe ich glatt vergessen, Meisenknödel und Körner für das Vogelhäuschen zu kaufen. Die armen Vögel, die jetzt in der Kälte kein Futter mehr finden. Und auch die armen Menschen, die kein warmes Haus haben, sondern jetzt diese eisigen Temperaturen überstehen müssen. Gott, warum lässt Du es überhaupt zu, dass es auf der Erde so kalt wird?

„Warum lässt Du es zu? Diese Frage höre ich wirklich oft. Tod und Leid kamen nicht durch mich in die Welt, sondern durch die Sünde. Genauso kam auch der Wechsel von Frost und Hitze in bestimmten Regionen der Erde als Folge der Sintflut, durch die sich die Erdachse neigte. Menschen und Tiere, die in diesen Regionen leben, sollten eigentlich wissen, dass es im Winter Frost geben kann. Und sie wissen es auch, stimmt’s? Ja, du weißt, dass es stimmt. Auch die Vögel, um die du dir Sorgen machst, wissen das und sie wissen auch, dass ich sie trotzdem versorge. Sonst würden sie nicht bleiben. Selbst der Reif, der sich heute auf den Dächern und Pflanzen niedergelassen hat, ist sozusagen eine Schutzmaßnahme von mir. Dass Wassermoleküle in der Luft sich kurz vor dem Gefrierpunkt zu ihrer maximalen Größe aufplustern und sich dann auf der Erdoberfläche absetzen, das war meine Idee. So bilden sie immer eine gewisse Schutzschicht vor noch kälteren Temperaturen. Also beklage dich bitte nicht über die Kälte, sondern achte auf meine Versorgung in dieser Zeit und die Vorsorgemaßnahmen, die ich getroffen habe.“

Als ich wenig später auf unsere Terrasse und die mit Reif bedeckten Pflanzen blicke, entdecke ich einige Amseln, die von den roten Beeren an den Sträuchern fressen. Ja, Gott versorgt sie, auch wenn ich es vergessen habe. Und Gott versorgt auch mich, wenn ich ihn brauche.

„Er gibt Schnee wie Wolle, er streut Reif wie Asche. Er wirft seine Schloßen herab wie Brocken; wer kann bleiben vor seinem Frost? Er sendet sein Wort, da schmilzt der Schnee; er lässt seinen Wind wehen, da taut es.“ Psalm 147, 16-18