Auf der Südseite unseres Hauses stehen zwei Weinstöcke, einer mit hellen und einer mit dunklen Trauben. Ersteren haben wir dieses Jahr sehr stark beschnitten, um einen Durchgang freizuhalten. Der andere konnte sich weitestgehend ungestört ausbreiten und am Geländer der Kellertreppe entlang wuchern. Ich kümmere mich wenig um diese beiden Pflanzen. Deshalb stehe ich umso mehr staunend vor den großen Weintrauben, die der helle Weinstock hervorgebracht hat. Schnell schaue ich auch zum zweiten hinüber. Aber die dunklen Trauben sind nicht halb so groß und sehen auch noch sehr unreif aus. Da die beiden Weinstöcke nur wenige Meter auseinander stehen, verblüfft mich dieser gravierende Unterschied bei den Früchten. Sie haben gleichviel Regen und Sonne abgekriegt und treiben ihr Wurzeln in denselben Boden. Gott, warum bringen sie dann so verschieden große Früchte?
„Ein Weinstock ist eben nicht wie der andere. Auch bei scheinbar gleichen äußeren Bedingungen ist es wie du siehst möglich, dass der eine Weinstock viel und der andere wenig Frucht bringt. Aber sie hatten in der Tat nicht die gleichen Wachstumsbedingungen. Den einen habt ihr stark beschnitten, den anderen einfach wachsen lassen. Das ist letztlich auch der Grund dafür, weshalb die Weintrauben so unterschiedlich ausgefallen sind. Ein Weinbauer, der möglichst viel und gute Frucht ernten möchte, geht durch den Weinberg und blättert die Weinstöcke, indem er die Triebe, die noch keine Frucht angesetzt haben, entfernt und auch zu dichtes Blattwerk ausdünnt. Die Kraft des Weinstocks fließt dann in die Reben, die tatsächlich Weintrauben hervorbringen. Wundere dich also nicht, wenn ich dir manchmal einen Weg versperre oder eine sich bietende Möglichkeit verwehre. Ich verhindere dadurch, dass du dich zu sehr in eine Richtung ausbreitest, die nicht gut für dich wäre und es dann auf Kosten deiner eigentlichen Berufung ginge.“
Gerade in letzter Zeit habe ich es mehrfach erlebt, dass eine scheinbar gute Idee dann doch wieder im Sand verlaufen ist. Meistens war ich darüber eher traurig. Auch das als Führung und Eingreifen Gottes zu sehen, ist ein tröstlicher Gedanke. Worin sieht Gott wohl deine Kernkompetenzen?
„Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.“ Johannes 15, 1-2