Eines Morgens ist es wieder soweit. Ich ziehe die Fensterrollos hoch und blicke auf die Terrasse. Doch wo letzte Woche der wilde Wein noch komplett grün seinen Teppich ausgebreitet hat, leuchtet es plötzlich an einigen Stellen dunkelrot hervor. Das sind die untrüglichen Zeichen: Der Herbst hat begonnen! Wenn die Tage kürzer werden und die Nächte kälter, dann reagiert die Natur darauf mit einem prächtigen Farbenspiel. Ich finde das faszinierend und liebe auch die Spaziergänge durch den bunten Herbstwald. Diese wunderschönen Farben möchte ich am liebsten das ganze Jahr über genießen. Gott, warum hast Du die Laubfärbung in der Natur nur für ein paar Wochen im Programm und nicht ständig? Ich fände das viel schöner.

„Dann wäre es doch nichts Besonderes mehr! Außerdem hätten die Bäume und Sträucher damit sehr viel Mühe. Denn das Laub färbt sich nicht, um den Menschen eine Freude zu machen, sondern weil die kältere Jahreszeit die Pflanzen dazu zwingt, die Versorgung der Blätter einzustellen. Sie glauben, dass sie den Winter nur überleben können, wenn sie sich ganz nach Innen orientieren und von ihren Reserven leben. Die kalte Jahreszeit ist eine Leidenszeit für sie und ich leide mit ihnen, seitdem es die Jahreszeiten gibt und nun die Wachstumsbedingungen auf der Erde nicht mehr beständig sind. Genauso leide ich auch mit den Menschen mit, die in schwierigen Lebensumständen die Kommunikation mit mir einstellen oder sich ganz von mir abwenden. Und ich hoffe auf die Frühlingssonne, um wieder mit ihnen in Kontakt zu kommen, darauf dass ihnen erneut Blätter wachsen, die meine Liebe aufnehmen können.“

 Der stumme Hilfeschrei, den die roten Blätter des wilden Weinstocks jetzt auszusenden scheinen, weckt auch in mir die Sehnsucht nach Beständigkeit. Ich hoffe sehr, dass ich in schwierigen Lebensumständen trotzdem weiter beten und mich auf Gottes Schoß trösten lasse kann.

„Und an dem Strom werden an seinem Ufer auf beiden Seiten allerlei fruchtbare Bäume wachsen; und ihre Blätter werden nicht verwelken und mit ihren Früchten hat es kein Ende. Sie werden alle Monate neue Früchte bringen; denn ihr Wasser fließt aus dem Heiligtum. Ihre Früchte werden zur Speise dienen und ihre Blätter zur Arznei.“ Hesekiel 47, 12