Heute ist Erntedankfest und in der Kirche ist ein großer Erntedanktisch aufgebaut. Viele Menschen haben von dem, was in ihrem Garten gewachsen ist, etwas gegeben, das dann nach dem Gottesdienst an eine Suppenküche gespendet wird und anderen Menschen zugute kommt, die nicht genug haben. Bei einem Spaziergang am Nachmittag denke ich noch darüber nach, wie schön dieses Gabenteilen doch ist, als mein Blick auf einen Apfelbaum auf der Wiese neben dem Weg fällt. Anscheinend hat niemand die Äpfel geerntet, denn sowohl im Gras unter dem Baum, als auch teilweise auf dem Weg liegen viele der reifen Früchte. Die meisten sehen bereits ziemlich verfault aus und sind zum Teil auch zertreten worden. Einen hebe ich auf, um ihn mit nach Hause zu nehmen, aber die Rückseite ist doch schon verdorben. Traurig lasse ich ihn wieder fallen. Gott, wie schade ist es doch, dass niemand von diesen Früchten etwas haben konnte.
„Sei nicht allzu traurig, meine Tochter, wenn die Früchte hier scheinbar ungenützt verrotten. Sie sind nicht umsonst gewachsen. Ich liebe es, immer wieder einfach Überfluss zu schenken. Ich gebe auch meinen Kindern nicht nur gerade soviel, damit sie es schaffen zu überleben. Nein, ich mag es, wenn mehr als genug da ist. Diese Äpfel hier, die nun nicht gegessen wurden, geben dem Erdboden die Nähstoffe zurück, aus denen sie gewachsen sind. Damit kann der Baum dann im nächsten Jahr wieder neue Äpfel hervorbringen. Der Baum selbst ist auch nicht daran Schuld, dass niemand die Äpfel geerntet hat. Der Eigentümer dieses Baumes hätte ja die Möglichkeit gehabt, das zu tun oder jemand anderen das Angebot zu machen, die Äpfel zu pflücken und zu essen. Auch Du erlebst es doch immer wieder, dass deine Gaben reifen, aber dann niemand da ist, der davon profitieren könnte, und deine Ideen und Pläne werden einfach wieder verworfen oder verlaufen im Sand. Glaub mir, deine Früchte wachsen nicht umsonst. Ich sehe jede einzelne und ich kann auch Menschen vorbeischicken, die sie pflücken und sich daran laben. Genauso wünsche ich mir auch, dass du immer wieder von mir selbst und von anderen Bäumen Früchte erntest und dich sättigst. Es ist ein ständiger Kreislauf des Gebens und Nehmens.“
Ein paar Äpfel hängen noch hier und dort an den Zweigen des Apfelbaums. Ich pflücke mir einen davon und muss lächeln. Es ist sehr entspannend zu wissen, dass ich nicht selbst dafür verantwortlich bin, dass meine Gaben optimal ausgeschöpft werden. So kann ich versöhnt manchen geplatzten Traum loslassen.
„Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Jünglingen. Unter seinem Schatten zu sitzen begehre ich, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß.“ Hoheslied 2, 3